Schüssler Novachem GmbH, Halle (Salle)


Salz als Erfolgsrezept

Der Weg zu den Salzen führte über das Holz. Das ist ein guter Werkstoff zum Bau von Lagereinrichtungen für Streusalze, weil ihre zerfressende Korrosionswirkung dem Holz nichts anhaben kann. Als dann nach 1990 die Altlaugenbestände des ostdeutschen Straßenwinterdienstes als Abfall entsorgt werden mussten, besann sich Daniel Schüssler wieder auf sein Schulwissen: Aus Salzlösungen lassen sich vielseitig verwendbare kristalline Salze herstellen. Magnesium-  und Calciumchlorid werden  in Textilien und Baustoffen ebenso wie bei der Bierherstellung eingesetzt, in Nahrungsergänzungsmitteln oder als Säureregulator für den Magen. Natriumchlorid kennt auch der Laie als Kochsalz. Salze wurden schließlich zur Geschäftsgrundlage von Schüssler und Reichenbach, den Freunden aus Berufsschulzeiten. 1992 gründeten sie ihr Unternehmen. „Ein konstanter Absatz im Salzbereich war unsere Traumvorstellung“, blickt Prokurist Reichenbach zurück.

Schneller Ortswechsel vom Novachem-Verwaltungssitz in Halle zum Magdeburger Hafen: Hier begannen die Unternehmer auf einer kleinen gemieteten Hafenfläche mit ein paar Lagertanks. Ein Geschäftspartner lieferte Magnesiumchloridlösung, die sie per Schiff aus Holland abtransportierten und an den Straßenwinterdienst verkauften. In einem richtigen Winter brummt das Geschäft, aber im Sommer frisst es die Rücklagen auf. Auf Dauer kein tragfähiges Modell, erkannten Schüssler und Reichenbach – und kauften ein ganzes Tanklager hinzu. „Damit hatten wir einen zentralen Lagerbereich mitten in Deutschland und konnten uns gut gegen die großen Wettbewerber behaupten.“ Ihr Mut zahlte sich aus, heute lagern Flüssiggüter verschiedenster Kunden in den Tanks mit der Aufschrift Schüssler Novachem. „Wir decken ein vielfältiges Dienstleistungsgeschäft im Logistikbereich ab“, sagt Reichenbach und Schüssler merkt an: „Das ist für uns ein stabiles ergänzendes Geschäftsfeld.“ Auch über eine eigene Tanklastwagenflotte verfügt das Unternehmen.

Aber sie wollten selbst Salze produzieren. Finanziell unterstützt vom holländischen Partner begannen die Unternehmer 1995 an einem Verfahren zur sogenannten Schmelzsalzkristallisation zu tüfteln. Mit Technik aus zweiter Hand und mit viel handfestem Pragmatismus. „Uns half, dass wir Handwerker sind“, sagt Reichenbach. Und dass sich ihre ostdeutschen Mitarbeiter aufs Improvisieren verstehen. Gemeinsam mit einem „richtigen“ Chemiker wurde in der Werkstatt in Edderitz bei Köthen experimentiert mit dem Ziel, Magnesiumchloridlösung in festes Salz zu verwandeln. Beim ersten Versuch habe die auslaufende Salzsäure die Apparatur „aufgefressen“, schmunzelt Reichenbach. Aber dann fielen schließlich die ersten brauchbaren Magnesiumchloridschuppen von der Kristallisationswalze. „Querdenken klappt manchmal auch“, sind die Unternehmer überzeugt. Der Erfolg gibt ihnen Recht:  Schüssler Novachem verfügt heute über Verfahrensentwicklungen und Patente, mit denen Salze mit weniger Energie in besserer Qualität hergestellt werden.

Die Anlage wurde weiterentwickelt und steht jetzt in Holland. „Sie ist die zweitgrößte Produktionsanlage für festes Magnesiumchlorid in der Welt“, erklärt Schüssler. Novachem ist Vertriebspartner, aber nicht Eigentümer. Deshalb sahen sich die Unternehmer noch nicht ganz am Ziel ihres Weges. Noch einmal zurück nach Edderitz. Dort betreiben die Unternehmer im ehemaligen Braunkohletagebau seit 1998 eine eigene Salzproduktionsanlage. Seit zehn Jahren stellt sie auch Calciumchlorid her, ein Salz mit ähnlichen Eigenschaften und Einsatzfeldern wie Magnesiumchlorid. „Ganz unbescheiden gehört unser Calciumchlorid zu den besten und reinsten in Europa“, sagt Geschäftsführer Schüssler. Damit gelang es, über das Mengengeschäft hinaus in Nischen mit hochveredelten Spezialsalzen vorzustoßen. Auch solche in reinster pharmazeutischer Qualität. „Unser Ziel war immer, alle Sektoren im Salzbereich abzudecken. Mit Pharma haben wir die anspruchsvollste Stufe erreicht“, ergänzt Reichenbach. Seit 2008 lieferte Schüssler Novachem Calciumchloridlösung für ein Tochterunternehmen eines großen Pharmakonzerns im niedersächsischen Lehrte.

Ein Rückschlag drohte allerdings Ende 2013 mit der Schließung des Standortes Lehrte durch die Konzernmutter. Nach zähen Verhandlungen gelang es, die Produktion dort weiterzuführen. Schüssler und Reichenbach gründeten dafür ein eigenständiges Unternehmen. Sie behielten den Namen CFL - Chemische Fabrik Lehrte und übernahmen knapp die Hälfte der Belegschaft. Jetzt produzieren sie selbst Salze in pharmazeutischen Qualitäten. Die FAZ schrieb dazu am 12. Juni 2014: „Eine kuriose Fusionsgeschichte in Norddeutschland findet ein glückliches Ende…“ Kurios vielleicht, weil ein Mittelständler in Ostdeutschland eine westdeutsche Konzerntochter rettete? 

Seit 2003 haben BB und MBG das Unternehmen ständig begleitet, damals fehlte es Novachem noch an Eigenkapital. „Wir haben uns auch andere Finanzierungsmodelle angeschaut“, erzählt Prokurist Reichenbach: „Mit der MBG war es am unproblematischsten. Die Rahmenbedingungen sind klar definiert und wir wissen genau, was zu zahlen ist. Beim Ausstieg spielt der eventuell höhere Unternehmenswert keine Rolle.“ Für Geschäftsführer Schüssler ist wichtig, „dass die MBG nicht in unser Tagesgeschäft eingreift.“ Die Unternehmen fühlen sich zudem gut beraten von BB und MBG. „Das hilft, wenn man eine Entscheidung fällen muss und dazu eine andere Meinung hören will.“ Weil sie eine langfristige Zusammenarbeit schätzen, wurde die Beteiligung nach Ablauf von zehn Jahren erneuert. Schüssler: „Das Paket stimmt einfach.“