Land & Technik-Service GmbH, Eisleben


Zeit zum “selber Machen”

Entlang der Flurwände reihen sich Hochglanzfotos von moderner Landtechnik, aber dann ein paar Schritte weiter im Besprechungsraum steht man vor einer Fotografie aus den 1950er Jahren. Sie zeigt den früheren Werkseingang mit dem Schriftzug des alten Betriebsnamens „RTS Otto Helm Volkstedt“. Manfred Pollin, Geschäftsführer der heutigen Land & Technik Service GmbH (LuTS) im Ortsteil Volkstedt der Lutherstadt Eisleben, hatte das Bild im Nachlass der Großeltern gefunden. Hinter dem linken Bildrand befand sich das Pförtnerhaus, in dem seine Oma arbeitete, erzählt er, und dass er als kleiner Junge manchmal auf dem Betriebshof gespielt habe. Aufgewachsen ist der gelernte Kfz-Mechaniker ein paar Kilometer weiter in Helbra. Die Menschen im Mansfelder Land gelten als besonders verwurzelt, und wohl deshalb hat auch Manfred Pollin sein Arbeitsleben immer in Sichtweite der Kupferschieferhalden verbracht.

1982 begann er als Jungingenieur im Betrieb, dessen Namen sich seit der Gründung als Maschinen-Ausleihstation (MAS) im Jahr 1949 schon dreimal gewandelt hatte und schließlich VEB Kreisbetrieb für Landtechnik (KfL) lautete. Pollin sammelte in ziemlich allen Bereichen von Ersatzeillager und Fuhrparkleitung bis Energietechnik Berufserfahrungen, bevor er 1988 die Abteilung Wissenschaft und Technik übernahm. Den Fall der Mauer erlebte er als „amtierender Betriebsdirektor“. Nach der schnellen Umwandlung in eine GmbH war er mit 31 Jahren Geschäftsführer eines Unternehmens mit 220 Beschäftigten, mit wieder einem neuen Namen – LuTS – und mit ungewisser Zukunft. „Über Nacht war alles anders“, erinnert er sich: „Es gab heftige Einschnitte in Form wegbrechender Aufträge und eines unvermeidlich drastischen Personalabbaus. Ich musste neue Geschäftsfelder aufbauen und wusste nicht, mit wem. Wer würde bleiben, von wem musste ich mich sozialverträglich trennen?“ Pollin selbst rüstete seinen Marktwert auf, im Abendstudium erwarb er binnen weniger Monate zwei Handwerksmeisterbriefe für Landmaschinen und Kraftfahrzeugtechnik. „Aber es war immer klar, ich bleibe hier.“

Die neue Zeit eröffnete Manfred Pollin die Möglichkeit, „selber zu machen“. Das wollte er schon immer. Er schrieb der LuTS ins neue Unternehmenskonzept, was der Betrieb seit vier Jahrzehnten gut konnte und was im Mansfelder Land Tradition hatte: Landwirtschaft sowie kommunales Gewerbe und Güterverkehr würde es auch in Zukunft geben. Und damit Chancen für den Großhandel mit Landmaschinen, kommunaler Technik und LKW, die gewartet und repariert werden mussten. „Ich wollte den Betrieb haben, weil ich wusste, man kann daraus etwas machen.“ Mit Blick über den Werkszaun hinaus rief Manfred Pollin in dieser Zeit auch bei der IHK Halle die Wirtschaftsjunioren ins Leben, er wurde Gründer der Landmaschineninnung und Mitbegründer des Verbandes Landtechnik Sachsen-Anhalt. 

Erste Vertriebsverträge wurden geschlossen, hauptsächlich verdiente LuTS das Geld aber mit Werkstattservice. „Mit einem Treuhandbetrieb wollte doch kein Großkonzern etwas machen“, erzählt Pollin. Doch beim ersten Privatisierungsanlauf 1993 kam er nicht zum Zuge. Stattdessen saß die Treuhand einem später verhafteten Betrüger auf. Danach stellte sich ein neuer potentieller Investor vor, und dieser Ullrich Leuteritz aus Sachsen wollte den Geschäftsführer Pollin auch als Gesellschafter mit an Bord haben. Bis zur Genehmigung des Kaufvertrages durch die Treuhand vergingen weitere 23 Monate.

Finanziell war es ebenfalls eine lange Durststrecke, blickt der Unternehmer zurück. „1994 waren wir an die Grenzen unserer finanziellen Leistungsfähigkeit gestoßen.“ Die Bürgschaftsbank hatte er bis dahin noch gar nicht gekannt. Jetzt wurde die BB von der Hausbank herangezogen, um für das kapitalschwache Volkstedter Unternehmen einen Betriebsmittelkredit zu besichern. „Unsere Rettung“, sagt Pollin: „Ohne die BB gäbe es uns nicht.“ Seitdem begleitet sie LuTS. Das Unternehmen benötigt einen ausreichenden Finanzierungsrahmen zur Vorfinanzierung des Landtechnikhandels. „Wir reden hier von Maschinen im Wert von mehreren hunderttausend Euro“, erklärt der Geschäftsführer.

Rückschläge blieben nicht aus, besonders als 1998 der langjährige Hauptvertriebspartner ausfiel. Erst mit dem Zuschlag für die Gebietsvertretung des Landmaschinenherstellers FENDT gelang der Durchbruch im Handelsgeschäft. „Danach haben wir Kunden bekommen, die vorher noch nicht einmal mit uns gesprochen hätten.“ Vom Standbein Handel kommt heute der größte Umsatzanteil, das Werkstattgeschäft bringt die höheren Erträge. Dort ist anders als früher das ganze Jahr über Saison, denn viele Agrarbetriebe würden in wachsendem Maße auch kleinere Reparaturen auf den zertifizierten Fachbetrieb verlegen, erzählt Pollin. Inzwischen sei es schwer, genügend Fachkräfte zu finden. „Bei Landmaschinentechnikern ist der Arbeitsmarkt leergefegt.“ LuTS zieht sich deshalb selbst seinen Nachwuchs heran und gehört im Kammerbezirk zu den besten Ausbildungsbetrieben.

Mit Pollins Unternehmenskonzept hat der ehemalige „KfL“ als einer von ganz wenigen dieser Kreisbetriebe überlebt. „Das habe nicht ich geschafft, sondern die Mitarbeiter“, betont der Chef. Er aber denkt schon voraus. Als dritte Geschäftssäule sollen Umsätze und Erträge in wachsendem Maße aus der eigenen Produktion kommen. LuTS baut Anhänger und Anhängeraufbauten aus eigener Entwicklung. „Unsere Kunden sind von der Qualität überzeugt und bereit, dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen.“ Im Vorjahr wurde investiert und ein Forschungsprojekt für umweltfreundlichen glyphosatfreien Ackerbau ins Unternehmen geholt.

An Aufgeben hat Pollin nie gedacht: „Ich hätte mich geschämt vor meinen Mitarbeitern, denen ich so viel zugemutet hatte.“ Doch allmählich plant der 57-Jährige seine Nachfolge und wie er dafür „die Braut hübsch machen kann“. Das Traditionsunternehmen soll auch die nächste Generation nähren.

So denkt man im Mansfelder Land.