René Leue, WELTRAD manufactur, Schönebeck

Fest im Sattel

Radtouristen am Mittellauf der Elbe landen am Rand der Kleinstadt Schönebeck direkt im Biergarten von Renè Leue. Mit Blick auf den ruhigen Flussbogen muss man einfach verschnaufen. Vielleicht sogar über Nacht verweilen, in der neuen WELTRAD-Pension. Die Aussicht aufs Wasser gibt es gratis durch die Glasfront des Restaurants, auf der Theke thront ein Fahrrad. Wer dann noch einen Blick in die gläserne Manufaktur wirft, kommt womöglich auf die Idee, seinen alten „Drahtesel“ gegen eines von Leues Kulträdern einzutauschen. Die sehen edel aus und fahren wie von selbst.

In Schönebeck bei Magdeburg wurden ab 1885 bis 1949 zweieinhalb Millionen Räder der Marke „WELTRAD“ gebaut. Ein paar fahren noch, alte Baupläne ließen sich aufspüren. 2004 eröffnete der frühere Vertriebsingenieur René Leue seine WELTRAD manufactur.

Im ersten Jahr zeigt er seine zeitlosen Schönheiten auf allen denkbaren Messen. Im zweiten Jahr kamen die Bestellungen. Wer dann von Hamburg oder München nach Schönebeck reiste, um ein ganz individuell gebautes Zweirad zu erwerben, brauchte eine Übernachtung. So vermietete Leue bald auch Zimmer. Aber als immer mehr Kunden seine Kulträder wollten, brauchte er einen größeren Standort und landete an der Elbe, wo früher Salz gesiedet wurde.
Für diese Investition wurde Rene Leuè von seinem Unternehmensberater die Bürgschaftsbank Sachsen-Anhalt (BB) als Finanzierungspartner empfohlen. „Die Zusammenarbeit ging recht unkompliziert“, blickt der Geschäftsmann zurück. „Uns im Osten fehlen nun einmal zwei Generationen, über die man im Westen genügend Eigenkapital aufgebaut hätte.“ Mit dem Investitionskredit seiner Hausbank, besichert von der BB, sitzt der Unternehmer jetzt fest im Sattel.
In der „gläsernen Manufaktur“, seiner Fahrrad-Werkstatt, geraten nicht nur Radtouristen ins Schwärmen. Hier finden sich Fahrradteile aus allen Ecken Europas: elegante Rindsledersattel und Satteltaschen aus England, nostalgische Rundlampen aus Portugal, Felgen aus den Niederlanden, Gepäckträger aus Wuppertal, die Edelstahlschutzbleche kommen aus Thüringen. Die Originalmarke WELTRAD wird in Handarbeit „klassisch und bis ins Detail eins zu eins“ nachgebaut.
Der Retro-Look wird selbstverständlich mit heutigem technischen Fahrkomfort, modernsten Schaltungen und Bremsen, kombiniert. Jedes Rad ist ein Unikat, der Preis ab 1.800 Euro, Lieferzeit etwa vier Wochen. Die vier Angestellten in der Fahrradwerkstatt beherrschen nicht nur ihren Job, sie lieben ihn, versichert der Chef.
Und wer fährt WELTRAD? René Leue: „Manche sparen zwei Jahre darauf, weil sie ein robustes Rad wollen, mit dem sie dann jeden Tag zur Arbeit fahren. Manche wollen es für Wochenendausflüge. Aber natürlich gibt es auch die Liebhaber, die Sammler, bei denen ein Weltrad nur zuhause an der Wand hängt.“